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1 Kom.
Unsere Berlinale -Bilanz, später Teil 2.image
Abgesehen vom Messeteil der Berlinale, dem European Film Market (wo viel Musikalisches angeboten wurde; aber das führt hier zu weit), war es das diejährige PANORAMA-Programm, welches mit Abstand die meisten Filme mit Musikbezug bereithielt. Neben dem bereits besprochenen Konzertfilm der Wainwright-Geschwister liefen:

- LA MAISON DE LA RADIO von Nicolas Philibert (v.a. bekannt durch sein Provinzlehrer-Porträt SEIN ODER HABEN), ein schöner Blick hinter die Kulissen des Pariser Staatsrundfunks Radio France. Deutlich wird, dass der Riesenapparat aus den Aktivitäten vieler einzelner Menschen besteht, die gemeinsam viele verschiedene Dinge tun, eben nicht nur Nachrichten texten oder schlaue Leute schlaue Dinge sagen lassen. Hier kommt ganz wesentlich auch sehr unterschiedliche Musik vor. Die wird an diesem Ort nicht nur einfach verbreitet (das auch), sondern oft überhaupt erst ermöglicht. Schöne Sequenzen von Chorprobe über Live-Konzert-Übertragung bis zum Einspielen experimenteller Musik - das dann eher zu später Stunde. Natürlich.

- NARCO CULTURA von Shaul Schwarz stellt der harschen Realität von Gerichtsmedizinern in der mexikanischen Grenzstadt Juarez (durchschnittliche tägliche Mordopferzahl: rund 9) einem Gangster-Kult gegenüber, der das Treiben der nordmexikanischen Drogenkartelle nach allen Regeln der digitalen Popkultur glorifiziert: schnell vervielfältigte Lobpreisungstracks, die sog. Narcocorridos; billigst produzierte Exploitation-Videos u.dgl. - Produkte, die vor allem von einer kalifornischen Migranten-Community konsumiert werden. Das kann man alles irgendwie irrwitzig und deshalb auch ein bisschen schick-aufregend finden, so wie eine reißerische, aber immerhin gut fotografierte Magazin-Reportage. Dennoch liegt hier die Frage, obwohl nie direkt formuliert, immer in Reichweite: Wie diese Verhältnisse wohl mit den unserigen zusammenhängen?

- ROCK THE KASBAH hat mit Musik direkt eigentlich nichts zu tun. Der Spielfilm von Yariv Horovitz schildert den Beginn der Intifada Ende der 1980er aus der Perspektive blutjunger Soldaten der israelischen Armee. Die Eskalation der Gewalt im Gazastreifen - damals wurden zumindest auf der einen Seite noch mit Steinen geworfen; das klingt heute fast wie ein Mythos aus vorgeschichtlicher Zeit - bekommt dabei reichlich Quellenmusik v.a. aus dem Radio ab, aber auch Live-Entertainment für die Truppe. Die ausgesuchten Songs helfen, die Zeit im Speziellen und die Sehnsüchte junger Menschen, zumal aus der reichen westlichen Welt, im Allgemeinen zu beschreiben. Von Punk (ja-ha: The Clash) bis Disco alles dabei.

- Der schönste "Musikfilm" dann doch im FORUM: Matt PorterfieldsI USED TO BE DARKER. Warum die Anführungszeichen? Weil noch ein Spielfilm - und weil das, wovon wir UNERHÖRT!-Macher träumen, nämlich mehr Fiction, die von Musik handelt, im Programm, hier bedient und gleichzeitig, allerdings auf eine tolle Art, verfehlt wird. I USED TO BE DARKER verspricht niemandem das voyeuristische Vergnügen, nachträglich bei brisanten Begegnungen schillernder Persönlichkeiten dabeigewesen zu sein, wie das Musik-bezogene Biopics so gerne tun (im Fahrstuhl mit Jim Morrison iusw.). Stattdessen eine ganz banale Rahmenhandlung: ein Paar, das eine fast schon erwachsene Tochter hat, trennt sich gerade, als eine Cousine der Tochter aus Nordirland (oder so) reinschneit, gleichaltrig, weil sie Abstand von eigenen Familienproblemen bei den coolen amerikanischen Verwandten sucht. Beide US-Eltern sind Musiker. Country/Folk/Rock, aber Indie. Doch ändern tut das - nichts: Musik macht das Leben nicht leichter. Musik hat keine Antworten. Musik ist nur eine Form (von mehreren, und in sich selbst weitverzweigt), einen Ausdruck zu finden für diese rätselhafte Existenz. Musik ist in diesem Leben genauso normal wie Autos und Häuser und das Essen auf dem Tisch. Sie wummert beiläufig-selbstverständlich als Mainstream-HipHop über einen kilometerbreiten Atlantikstrand (noch in Europa). Sie zieht uns als eine Art Math-Rock auf den Schienen einer Kamerafahrt in einen stinknormalen College-Moshpit. Sie ist auch mal jämmerliches Gefäß für die Ratlosigkeit des Vaters in einem Probenkeller (nur weil die Seele brennt, produziert man noch lange nichts Gehaltvolles), genauso wie sie das Wunder von kompakt gemachten Gefühlen vorführen darf, wenn auf kleiner Bar-Bühne die Mutter mit Bandbegleitung und glaubwürdiger Klarheit DEN Song des Films raushaut: "Raising American Child". (Mutter: Kim Taylor, Vater: Ned Oldham, Palace-Bruder von Will).

Nicht gesehen PANORAMA: NAKED OPERA, eine Doku über einen reichen schwulen Opernliebhaber, FRANCES HA, Spielfilm über eine Tänzerin (vielgelobt wegen der Hauptdarstellerin Greta Gerwig), THE BROKEN CIRCLE BREAKDOWN, holländischer Spielfilm, der sein Drama in einer Countrymusiker-Familie entfaltet. In der DEUTSCHEN REIHE: Die Dokumentation DIE MIT DEM BAUCH TANZEN über eine deutsche End-Vierzigerinnen-Bauchtanzgruppe, sowie bei GENERATION 14 PLUS mit TOUCH OF THE LIGHT ein weiterer Spielfilm um einen blinden Pianisten und eine Tänzerin in Taipeh/Taiwan.

Noch ein Wort zu LEVIATHAN (Regie: Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel, gesehen bei FORUM EXPANDED):
Nicht jedermanns Sache, dem zeitgenössischen kommerziellen Fischfang bei der Arbeit zuzusehen.
Aber der Film ist sehr besonders aufgenommen und geschnitten:
wie eine Industrial Doom Grind Metal concret-Symphonie!
Läuft am 14. April um 21 Uhr im Rahmen der 10. Dokumentarfilmwoche im Hamburger Metropolis.

Posted by Ralf on 26.03.2013 at 16:45 Uhr

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J.A.
kommentierte am 16.10.2015 um 10:54 Uhr
Being a student is stressful. However if you buy essay online you'll avoid some of it
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